Aroo! Ein sportliches Review eines sportlichen Wochenendes

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Mudman

Auf dem Boden liegt Stroh, es gibt kaum mehr Platz, um die dreißig Straf-Burpees zu absolvieren. Der Spartaner* wirft sich einfach mitten drin auf den Boden, dreckig ist es sowieso und nach Kuhmist stinkt es auch. Scheißegal. Er ärgert sich grün und blau, dass er an dem verdammt rutschigen, fünf Meter hohen Seil versagt hat. Keuchender Atem, die Luft ist kalt, jeder ist in seiner eigenen Trance, während er für das nicht geschaffte Hindernis mit Burpees bezahlt. Keiner der Spartaner weiß genau, wie sehr ihn der Aufstieg aufs Kitzbüheler Horn, Sprints in Gebirgsbächen bei deutlich zu kalten Temperaturen und verrückte Hindernisse auf der langen Strecke noch fordern werden…

So stellen sich wohl verhältnismäßig wenige Menschen ihren Wochenendausflug vor. Dennoch gibt es wie dieses Jahr in Oberndorf in Österreich Tausende, die sich ihr Wochenende ganz genau so vorstellen. Zehntausend, um genau zu sein, von denen jeder einzelne bei dem sogenannten Spartan Race an seine persönlichen Grenzen geht. Die jüngsten Teilnehmer, die hier an den Start gehen, sind vier Jahre jung. Angefeuert von Mama und Papa hinter dem Absperrband kämpfen sie sich ihren Weg durch den bis zu zwei Kilometer langen Parcours. Von Seilklettern unter quer gespannten Seilen durch den Matsch robben, über Wände klettern und durch Tunnel klettern ist alles dabei. Selbstverständlich sind helfende Hände mit “Spartan Race Staff” T-Shirts zur Stelle, um die Nachwuchs-Spartaner zu motivieren und ihnen bei der Bewältigung des Hindernisses zu unterstützen. Am Ende des Parcours wartet dann schon die lang ersehnte Finisher-Medaille, die die Kids samt dem Finisher-T-Shirt mehr als stolz auf dem Festivalgelände ausführen.
Ganz ähnlich läuft es auch bei den erwachsenen Spartanern ab. Allerdings können diese nicht erwarten, dass ihnen ein Staff-Mitglied in Notsituationen zur Hilfe eilt; zumindest dann nicht, wenn sie in der Elite Heat oder in der Competitive Heat starten.

Verdammt, er steckt fest. Panik blitzt in den Augen des tapferen Elite-Spartaners auf, als er feststellen muss, dass er bombenfest bis zur Hüfte in der Kuhscheiße eingesunken ist. Hilfe suchend wandern seine Augen zu der Stelle, wo er einen Mitarbeiter in einem roten Staff-T-Shirt vermutet. “Bringt die Reifen bis ganz hierher nach vorne!”, hört er diesen aber nur rufen. “Bis ganz hierher! Hey! Zurück, zurück! Bis ganz hierher.” Der Autoreifen, der durch eine Waldstrecke (beinhaltend frischen Kuhmist, frischen Regen und nicht so frische Wurzeln und Gewächse) transportiert werden muss, drückt auf die Schultern des feststeckenden Spartaner. Er beißt die Zähne zusammen und kämpft. Währenddessen betet er, dass er seinen Schuh in diesem Schlammbad nicht verliert – das wäre nämlich das Ende seines Spartan Races. Er bekommt einen aus dem Matsch herausragenden Ast zu fassen und zieht. Zentimeter für Zentimeter befreit sich sein Bein aus dem zähen Kuhmist. Es stinkt fürchterlich. Neben ihm hört er die Aufschreie seiner Mitstreiter, denen es nicht ansatzweise besser geht. Es ist nicht der letzte Moment in diesem Rennen, in dem er sich fragt, wieso er eigentlich tut, was er gerade tut – aber warum er es trotzdem verdammt nochmal immer wieder machen würde.

Im Matsch unter Stacheldraht hindurch robben, an glitschigen Seilen fünf Meter in die Höhe klettern und eine Glocke läuten, Hangeln durch das Multi-Rig, Speerwerfen auf einen Heuballen, meterhohe Wände überwinden, sechshundert Höhenmeter am Stück zurücklegen, Gebirgsbäche durchwaten, über eine Slackline klettern, in Schlammgräben hinunter und wieder herausklettern, Autoreifen durch Schlamm tragen, Eimer gefüllt mit Kieselsteinen fortbewegen. Eine Aufzählung einiger weniger Hindernisse eines Spartan Races – um mal einen groben Überblick zu verschaffen, was einen erwartet, der sich für ein solches Rennen anmeldet.
Schon bei Beginn eines Spartan Races wird richtig Stimmung gemacht, um die Spartaner anzuheizen und zu Höchstleistungen anzutreiben. Das Festivalgelände, wahlweise im Olympiapark München, in den Kitzbüheler Alpen, in Wien oder fast überall sonst auf der Welt, füllen mehrere tausend Besucher, Athleten sowie Bewunderer und Zuschauer. “Und jeder fünf Burpees!”, schreit der Motivator ins Mikrofon; gerade dabei, die Elite Heat, also die erste Startwelle für den kurz bevorstehenden Start aufzuwärmen. “Und alle mal im Uhrzeigersinn ne Runde joggen! Uuund ein paar Hampelmänner, zack zack!” Fast lassen sich die persönlichen Favoriten nicht mehr ausmachen, so viele Menschen sind es, die durcheinander rennen. “Und jetzt an den Start, wir zählen runter! Zehn, neun, acht…”
Kaum ein Zuschauer ist nun nicht auch aufgeregt. Beinahe jeder fiebert mit den Spartanern mit, bis der Startschuss fällt und die Elite-Athleten, eingehüllt in der roten Wolke einer Rauchgranate lossprinten. Kaum sind sie außer Sichtweite, tritt schon die Competitive Heat an den Start. Um die zwanzig Startwellen im Abstand von fünfzehn Minuten sind notwendig, um die Anzahl an Spartaner unterzubringen, möchte man nicht gleich Mord und Totschlag zu Beginn des Rennens haben.
Die darauffolgenden Startwellen werden als Open Heats bezeichnet und sind auch diejenigen Startwellen, in denen es erlaubt ist, sich gegenseitig zu helfen. Das ist nämlich wie schon zuvor erwähnt in den ersten beiden Startwellen allerstrengstens verboten. Spartan Staff-Mitglieder achten bei Spartanern dieser Heats penibel darauf, dass die dreißig Straf-Burpees, die bei nicht geschafftem Hindernis absolviert werden müssen, laut mitgezählt und mit Brust auf dem Boden ausgeführt werden. Das sorgt verständlicherweise bei den wenigsten für Begeisterung, aber ein bisschen Extra-Challenge muss sein – schließlich startet in der Elite Heat die Weltklasse der Spartaner. Diese haben bereits ein paar Dutzend Spartan Races auf dem Buckel und kämpfen jedes Mal um einen Platz auf dem Siegertreppchen, denn wie bei anderen Sportarten gibt es auch beim Spartan Race eine Europa- und Weltmeisterschaft – für die man sich aber selbstverständlich erst qualifizieren muss, in dem man den einen oder anderen Spartan Race kurz mal gewinnt.
Aber nicht alle Spartaner haben nur die Zeit im Kopf, wenn der Startschuss fällt. Es gibt sehr viele verschiedene Gründe, um eine der drei möglichen Distanzen beim Spartan Race zu laufen. Anfänger wählen wahrscheinlich zum Einstieg die kürzeste Distanz mit 5+ Kilometern, auch als Sprint bezeichnet, um das ganze Geschehen mal mitgemacht zu haben. Aber Vorsicht! Auch wenn viele Spartaner während des Rennens körperlich und mental an ihre Grenzen gelangen, packt viele von ihnen nach Überschreiten der Finish Line das Suchtgefühl – nachdem sie realisiert haben, den Parcours geschafft zu haben, obwohl (oder vielleicht gerade deshalb?) sie an ihre Grenzen gekommen und gegangen sind. Wir wollen mehr, wir wollen wieder! Und ganz einfach so kommt es dazu, dass man dann auch mal einen Super über 13+ Kilometer oder einen Beast über 20+ Kilometer absolviert. Für ganz Verrückte, die über die vorangegangenen Distanzen nur lächeln können, gibt es letztendlich noch einen Ultra Beast – 41+ Kilometer, die von jedem teilnehmendem Spartaner alles abverlangen.

Hört er da schon das Knistern des Feuers? Ist er etwa schon beinahe im Ziel? Der Jubel der Zuschauer treibt ihn an. Der tapfere Spartaner spürt die Burpees in den Knochen, die er auf seinem langen Weg ins Ziel absolvieren musste und die er irgendwann aufgehört hat zu zählen. Wie in einem Tunnel sieht er in seinem Geiste nur noch seine Finisher-Medaille vor sich, die ihm beweist, dass er den Wahnsinn auf ein Neues überlebt hat. Da ist es. Ein letztes Mal Kräfte sammeln, er spannt alle Muskeln an und springt einen Tarzansprung über das Feuer, das die Ziellinie darstellt. Aroo! Schon in dem Moment, als er seine Medaille von einer hübschen Spartanerin um den Hals gehängt bekommt, findet er es schade, dass das Rennen schon vorbei ist. Kaum hat er den Gedanken zu Ende gedacht, zwingen ihn Muskelkrämpfe zu Boden und er spürt die Erschöpfung in jedem Knochen. Während er sich zu den Versorgungsständen schleift, kommt ihm die Erkenntnis, dass Spartaner definitiv eine besondere Art Menschen sind, die sich direkt nach einem erfolgreich absolvierten Rennen zwar kaum mehr auf den Beinen halten können, aber trotzdem direkt schon Vorfreude auf das nächste Rennen empfinden… er ist sich sicher: Er würde das jederzeit wieder machen.

Nun gut, vermutlich kann man das nicht verallgemeinern. Tatsache ist aber, dass ein jeder einzelne Spartaner nach seinem Feuersprung verdammt stolz auf sich sein kann. Darüber, dass er das Rennen geschafft hat, auch wenn er währenddessen ein-, zwei- oder auch hundertmal das Gefühl hatte, er schafft es nicht. Jeder Spartan Race ist eine einmalige Erfahrung, nach der man durchaus etwas süchtig werden kann. Ein Spartan Race ist definitiv nicht nur für Menschen gedacht, die auf dem Siegertreppchen stehen wollen. Wer einen Spartan Race laufen möchte, soll das tun – einfach so. Einfach ausprobieren; spüren, wie ein jeder seine Grenzen austesten und an diese gehen kann, Spaß haben. Das ist das wichtigste! Spartaner, egal was für ein Race bei euch als Nächstes ansteht – habt einfach verdammt viel Spaß! In diesem Sinne: Aroo! Aroo! Aroo!

* Die korrekte Bezeichnung für das damals lebende Volk war “Spartiaten”. Beim Spartan Race werden die Teilnehmer aber “Spartaner” genannt.

Autor: Lisa Holder

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